Kleins Kolumne - Februar 1/07
Neulich mal wieder: Da haben wir eine Flasche Loureiro geöffnet. Das ist ein Weißwein aus dem Norden Portugals (Vinho Verde), benannt nach seiner Rebsorte, erdig und saftig-frisch. Er hatte uns wunderbar geschmeckt, deshalb hatten wir uns einen kleinen Vorrat davon zugelegt, sechs Flaschen. Wir sind regelrechte „Loureiro Lovers“! Aber diese eine Flasche, auf die wir uns an einem Sonntag gefreut hatten, die korkte. Und zwar kräftig. Sofort weg damit! Kein Wunder, dass wir dann bei Tisch wieder mal (zum wievielten Male wohl?) über das Thema diskutiert haben: Warum stellen die Erzeuger nicht endlich um auf Alternativen?
Schon merkwürdig: Überall ärgert man sich über Lebensmittel oder andere Produkte, die schwer zugänglich sind: in dicke, unzerreißbare Folie vakuumverschweiße Erdnüsse, Sardinen in Dosen, deren Metallzungen zum Öffnen sofort abrechen und auch noch gefährlich scharf sind, Marmelade in luftdichten Gläsern, deren Deckel man nur mit der Rohrzange aufbekommt, CDs in aalglatten Plastikhüllen, an denen man sich beim Aufmachen die Fingernägel abbricht, man wundert sich über die Kreativität der Verpackungsingenieure. Barrierefreier Konsum? Ein Wunschtraum …
Schlimmer als die Kokosnuss
Aber all das ist nichts gegen den Wein. Das einzige Genuss-Produkt, für das man ein regelrechtes Werkzeug eigens kaufen muss. Vor den Genuss haben die Götter den Kork gesetzt. Die Weinflasche ist die Kokosnuss unter den flüssigen Lebensmitteln, und schlimmer als diese, denn eine Kokosnuss bekommt auch ein mittelmäßig begabtes Äffchen auf. Bei der verkorkten Weinflasche muss das Tier passen. Und mancher Mensch. Aber darum geht es nicht mal. Der Kork hat nämlich noch die blöde Eigenschaft, gelegentlich den Inhalt der Flasche zu verderben. Verantwortlich sind Stoffwechselprodukte winziger Organismen, die in fehlerhaften Korken leben. Schon winzigste Spuren dieser Substanz (TCI) genügen, und der Genuss ist dahin. Nicht mal zum Kochen taugt so ein Wein. Tipp einer Weinhändlerin: Versuchen Sie, daraus einen Weingelee zu kochen, offenbar zerstört das Erhitzen die chemische Verbindung.
Da zwischen 1 und 5 Prozent aller Weine Korkfehler haben (geschätzt) und vor allem moderne Weißweine so filigran beschaffen sind, dass der allerkleinste „Korkinfekt“ geschmeckt wird, haben die Korkerzeuger gewaltige Anstrengungen unternommen, um ihr Produkt „clean“ zu machen. Teils mit Erfolg, aber schon ein Erlebnis wie unser verkorkster Loureiro genügt dem Verbraucher, um sich verärgert davon abzuwenden. Experten behaupten: In Zukunft werden eher die hochwertigen Weine den Naturkorken behalten (denn die Weinfreaks stehen laut Umfrage nach wie vor auf „Plopp“ und „Natur“), die preiswerteren Alltagstropfen werden zunehmend mit so genannten alternativen Verschlüssen versehen werden.
Alternativen
Das impliziert, dass der Naturkork sozusagen der „echte“ Verschluss ist, während den anderen ein leichter Anarcho-Ruch anhaftet, wie seinerzeit den langhaarigen „Alternativen“, die Häuser besetzten und Wohngemeinschaften gründeten. Dabei geht es im Grunde nur um technische Verfahren. Alternative 1: Der Dreh- oder Schraubverschluss, korrekt als Anrollverschluss bezeichnet. Er erfordert Flaschen mit Gewinde an der Mündung, ist aber technisch leicht zu handhaben. Für diesen Verschluss braucht man kein Werkzeug! Weiterer Vorteil: Die Flasche lässt sich spielend wieder verschließen und sogar in den Kühlschrank legen. Der Verschluss hält dicht. Meine absolute Lieblingsalternative! Mehr davon, bitte! (Die Schweizer füllen fast alle Weine mit Anrollverschluss, aber auch einzelne Erzeuger wie das Bordeaux-Château Agassac haben sich dazu durchgerungen).
Alternative 2: Der Glasstopfen VinoLok, eine deutsche Erfindung. Er sieht hübsch aus, wirkt hygienisch, lässt sich ohne Werkzeug öffnen und auch als Wiederverschluss verwenden. Ein kleiner Kunststoffring sorgt dafür, dass er dicht sitzt, allerdings würde ich es nicht darauf ankommen lassen, eine angebrochene, wieder verschlossene Flasche ins Kühlfach zu legen. Hat ein Wein Kohlensäure, könnte es passieren, dass diese den Glasstopfen herausdrückt. Nachteil für den Winzer: Er braucht eine besondere Flaschenform und eine eigene Abfüllmaschine. Hübsch, aber relativ teuer.
Alternative 3: Der Kunststoffstopfen. Es gibt unterschiedliche Herstellungsverfahren, doch diese Korkimitate halten zumindest eine gewisse Zeit dicht (Langzeitversuche sind noch nicht abgeschlossen). Vorteil für die Winzer: Er kann seine gewohnte Abfüllanlage benutzen, die Kunststoffstopfen sind preiswert. Der Weinliebhaber kann seinen gewohnten Korkenzieher verwenden, er muss es sogar! Denn die Kunststoffstopfen sind nichts anderes als Korkimitate, Kokosnuss lässt grüßen. Auch wenn sie manchmal ziemlich bunt daherkommen, versuchen die meisten doch, farblich dem Naturprodukt nahezukommen. Der Wiederverschluss ist schwer, und natürlich ist das Ding nach gebrauch Abfall, den man recyclen kann (und, wie findige Studien ergaben, beim Verbrennen sogar weniger Energie verbraucht als das Naturprodukt). Wir verwenden sie als Fensterstopper. Es gibt übrigens Verkoster, die schwören, so ein Plastikdings verändere den Geschmack, was die Hersteller freilich eifrig bestreiten. Sicher ist, dass Weine, die mit Alternativen verschlossen wurden, nicht mehr liegend gelagert werden müssen. Denn da muss kein „Korken feucht gehalten werden“.
Dass es manchmal eben doch ein Naturkork sein muss, beweist der Schaumwein. Für Champagner & Co. Gibt es auf dem Markt noch keine Alternativverschlüsse. Nur ein Naturkork kann dem hohen Druck in der Flasche widerstehen. Aber bestimmt sind in irgendeinem Labor irgendwo auf der Welt schon Forscher eifrig am Werk …
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