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Kleins Kolumne - Februar 2/07

Weinfreunde lassen sich gut parodieren. Man nehme ein Glas, schwenke es mit möglichst feierlicher Miene vor der Nase herum und äußere Unsinn wie „Hm, eindeutig 1975er Bahndamm Südlage Spätlese.“ Wer will, kann den Loriot-Sketch mit der Weinprobe zu Hause zitieren („Abgefüllt und originalverkorkt von Pahlhuber und Söhne!“), die Lacher sind ihm sicher. Viel ist darüber geschrieben worden, wie Kenner Weine beschreiben. Der berühmte „Damensattel im Morgengrauen“ ist ein beliebter Allgemeinplatz: Die spinnen, die Verkoster! Ein Wein muss schmecken, alles andere ist egal.
 
Eben nicht. Dass Wein schmecken soll, ist so klar wie die Feststellung, dass ein Auto fährt. Als ob das alles wäre! Wein ist übrigens das einzige Genussmittel, über das Menschen stundenlang reden können. Über das es Bücher und sogar Zeitschriften gibt. Und das nie langweilt. Und vor allem: Wein hat eine ganz eigene Fachsprache. Es liegt in der Natur dieser Sache, dass dadurch die Welt in Insider und Ahnungslose geteilt wird – und dass die Außenseiter sich darüber ärgern. Daher kommt der häufige Spott: kleinlicher Neid der Genusslosen, was sonst!
 
Die Macht der Bilder
 
Aber wie redet man über Wein? Die Sprache verfügt leider über wenige Ausdrücke, um Geschmack zu beschreiben. Das soll mit der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Horns zusammenhängen. Homo sapiens konnte eher riechen als sprechen, daher ist das Sprachzentrum im Hirn nur mangelhaft mit dem Riechzentrum vernetzt. Jeder kennt die Situation: Uns fällt eher ein, wie es früher bei Oma in der Küche geduftet hat, als dass wir konkret diesen Duft erklären könnten. Das sollte man sich als Wein-Sprecher zunutze machen. Die beste Wein-Ansprache ist die, die Emotionen anspricht, indem sie zum Beispiel ein verständliches Bild entstehen lässt. Bilder stecken in den meisten gängigen Weinvokabeln: Fruchtig – da muss ich an Früchte denken. Stahlig – kühl, glatt und fest, manchmal schmeckt man sogar Metall. Elegant – leicht und angenehm, dabei unaufdringlich, ohne dass man Anstrengung merkt. Das viel geschmähte Wort „lecker“, über das sich viele vermeintliche Kenner mokieren, passt auch in diese Reihe: Man sieht vor sich, wie sich jemand genüsslich die Lippen oder gar die Finger leckt, um nur ja alles auszukosten. Ja, manche Weine sind einfach „lecker“! Davon möchte man mehr! Es soll Verkoster geben, die gelegentlich einen Wein „geil“ finden.
 
Finden Sie Vergleiche
 
Eine Metapher wie „elegant“ ist ein verkürzter Vergleich. Heinrich der Löwe: Ein Mann, der mutig ist wie ein Löwe. Ein eleganter Wein: siehe oben. Sie können den Vergleich ja auch ausformulieren: Ein Wein wie ein Sommernachmittag auf der Terrasse: erfrischend, leicht, saftig. Ein Wein wie ein Preisboxer: konzentriert, dicht, kraftvoll, wuchtig. Ein Wein wie eine schöne Frau: verführerisch, elegant … lecker! Im Wein sind viele Aromen, die an Bekanntes erinnern: Äpfel, Birnen, Pfirsich, rote und schwarze Beeren – nicht anderes als Vergleiche! Wer mag, kann die Musik heranziehen oder die Kunst. Aber dann wächst die Gefahr, dass andere nicht mehr folgen können. In der Poesie heißt die fernste Ebene Symbolismus: Alles ist absichtsvoll  kodiert, der Leser muss sich die Mühe machen, zu erschließen, wie der Autor das gemeint haben könnte, wofür das Symbol stehen soll. Nein, zu abgehoben sollte die Weinsprache denn doch nicht sein. Besser, Sie fragen sich ganz praktisch: wozu passt dieser Wein? Zum Picknick wie ein Rosé? Als Aperitif wie ein spritziger Schaumwein? Zum Sonntagsbraten wie ein gewichtiger Roter? Wenn der Chef zum Essen kommt?
 
 
Aus dem Schulbuch
 
Weinansprache, also das fachgerechte Beschreiben eines Weins, kann man auch lernen. Es gibt ja beispielsweise Lehrbücher für angehende Sommeliers. Da geht man folgendermaßen vor: Erst die Optik, dann der Geruch, dann der Geschmack, dann das Gesamte. Wer das mag, hat wahrscheinlich schon als Bub bei Karl May die seitenlangen Landschaftsbeschreibungen gelesen, anstatt sofort zu den Actionszenen zu blättern. Was kann auf Dauer langweiliger sein als dieses ständige „blass strohgelb, dezente Nase von Äpfeln und Pfirsich, mineralische Nuancen und ein Hauch grüne Kräuter, am Gaumen geschmeidig und leicht mit gut eingebundener Säure, gute Länge, ein harmonischer Wein. Vielleicht eine korrekte Beschreibung mit zutreffenden Vergleichen, aber Hand aufs Herz: Würden Sie diesen Wein aufgrund der Beschreibung kaufen?

Rolf Klein