Kleins Kolumne - Januar 4/07
Schulnoten, das weiß jeder, sind weder gerecht noch objektiv (vor allem, wenn die eigene Leistung gemessen wurde) und sorgen für jede Menge Stress, aber trotzdem will sie jeder haben. So ähnlich ist es beim Wein. Der wird in der Regel nach einem Schulnotensystem bewertet. Die berühmten „Parker-Punkte“, mit denen der gelernte Rechtsanwalt und international angesehene Weinkritiker Robert Parker Jr. Seine Weine benotet, sind dem amerikanischen Schulsystem entlehnt. 100 ist die Bestnote, beim Wein sehr selten. Weinproben mit „100-Punkte-Weinen“ nach Parker sind begehrte Anlässe für Weinfreaks, die sich den Spaß einiges kosten lassen. Wer nach Parker-Punkten kauft, beachtet vornehmlich die Weine ab 90 Punkten aufwärts. Unter 80 Punkten spielt sich eigentlich nichts mehr ab, sodass man sich fragen kann, wozu man eigentlich 100 Punkte braucht.
In Frankreich und auch Deutschland wird häufig mit einer 20-Punkte-Tabelle gearbeitet − nach dem französischen Notensystem −, die deutsche Qualitätsweinprüfung kennt ein 5-Punkte-Schema, das Bewertungssystem der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft DLG. Das geht so: Für die Kriterien Geruch, Geschmack und Harmonie werden jeweils maximal 5 Punkte vergeben (0,5-Schritte möglich), dann wird durch 3 geteilt. Die daraus resultierende Qualitätszahl entscheidet etwa über Goldmedaillen (ab 4,5) oder die Vergabe der amtlichen Prüfnummer für Qualitätsweine (mindestens 1,5). Während das 100-Punkte- und das 20-Punkte-Schema international geläufig sind, hat das deutsche 5-Punkte-Schema nur interne Bedeutung. Manche Publikationen vergeben Sterne oder Ähnliches, doch entsprechen diese meist einem der bedeutenden Notenschemen.
Wie objektiv sind Wein-Noten?
Wie an Schulnoten wird auch an Weinbewertungen gerne herumgenörgelt. Klar, Geschmacksbeurteilungen können niemals objektiv sein, weil sie sich nicht wie ein wissenschaftliches Experiment wiederholen lassen. Auch ein und derselbe Verkoster wird einen Wein beim zweiten Mal möglicherweise abweichend bewerten. Innerhalb von Stunden verändert sich ein Wein im Glas, die Form des Glases spielt eine wichtige Rolle (weswegen es mehrere Standard-Verkostungsgläser gibt), außerdem kommt es auf die Tageszeit, die Konzentration des Verkosters und die Zusammenstellung der Probe an. Jeder Wein beeinflusst das Geschmacksempfinden auch für den folgenden Wein. Der Geruchssinn ermüdet leicht, wie jeder feststellt, der sich in ein Zimmer mit abgestandener, miefiger Luft begibt. Nach ein paar Minuten empfindet man das nicht mehr. Natürlich spielen auch subjektive Erfahrungen und Erwartungen des jeweiligen Verkosters eine große Rolle.
Wozu also die ganze Mühe, wenn so viele Unsicherheitsfaktoren existieren? Weil, erstens, auch subjektive Empfehlungen eine Empfehlung sind, nicht anders als eine Buch- oder Konzertkritik. Wer diesen fachlichen Empfehlungen folgt, mindert das Risiko eines Fehlkaufes. Genau darum geht es beim Wein-Benoten: Es gibt leider so viel mittelmäßigen und auch schlechten Wein, dass das Risiko relativ hoch ist, daneben zu greifen. Da ist ein Vorkoster nicht verkehrt, der „die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen“ sortiert. In den meisten Publikationen findet eine Positiv-Auslese statt, das heißt, die schlechten Weine werden gar nicht erwähnt.
Qualitäts-Kriterien
Zweitens gibt es objektive Qualitäts-Kriterien, die jeder Kellermeister und Oenologe kennt. Wein ist schließlich ein Erzeugnis, das nach bestimmten Verfahren hergestellt wird. Da geht es nicht nur darum, dass der Wein „schmeckt“, wie manche Gelegenheitstrinker abschätzig behaupten, sondern auch darum, ob technisch fehlerfrei und sauber gearbeitet wurde, die Typizität von Wein und Terroir getroffen wurde. Jeder, der zwei Weine miteinander vergleicht, kann erkennen, welcher mehr Geschmack auf die Zunge bringt, welcher eleganter wirkt, kurz, von welchem man lieber noch ein Glas trinken möchte. Das subjektive Gespür für Weinqualität ist bei jedem mehr oder weniger gleich. Je mehr Trinkerfahrung, desto enger liegen die Urteile zusammen. Ein amerikanischer Wein-Enthusiast hat einmal folgende Erklärung für Spitzenweine vorgeschlagen: herausragender Wein sei „as good as sex“, ein wahrhaft großes Gewächs dagegen „better than sex“. Probieren Sie es doch einfach mal, pardon, am eigenen Leib aus.
Faustregeln zur Weinbewertung
Fehlerhafte Weine: Sofort Ausguss oder reklamieren (bei Korkfehler)
Schwache Weine: bleiben lustlos im Glas stehen, werden weggeschüttet
Ausreichende Weine: trinkt man nur, wenn man muss, machen aber keine Freude
Durchschnittliche Weine: Trinkt man bestenfalls alleine, damit sie weg sind; zum Kochen verwenden (hier endet meistens das Niveau von Billigweinen aus dem Discounter)
Gute bis sehr gute Weine: sauber und frisch, erfreuen beim Essen und anderen passenden privaten, alltäglichen Anlässen, sollten nicht die Welt kosten, in der Regel jung zu trinken
Sehr gute bis herausragende Weine: bietet man gerne guten Freunden an, auch als Geschenk (Wenn der Chef zum Essen kommt!), man kann sie eine Zeit lang aufheben (Potenzial)
Herausragende bis exzellente Weine: für große Anlässe, Festessen, Feiertage, Geburtstage (man gönnt sich ja sonst nichts), sie haben größeres Lagerpotenzial
Große Weine: Sammlerstücke von hohem Wert, die hätte jeder gerne im Keller, leider zögert man immer wieder, sie aufzumachen, bis es dann zu spät ist … Geeignet auch zum Verkaufen
Rolf Klein
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