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Kleins Kolumne - April 3/07
Eine meiner Lieblingsgeschichten vom „Herrn Keuner“ des Bertold Brecht – mussten Sie den auch in Deutsch lesen? – geht ungefähr so: Jemand, der Herrn K. lange nicht gesehen hat, sagt zu ihm: Du hast dich gar nicht verändert! Und Herr K. erbleicht.
Was will der Autor damit sagen? Dass wir uns im Laufe der Zeit natürlich und ganz selbstverständlich verändern. Meistens werden wir klüger und gelassener. Wäre ja noch schöner, wenn wir immer noch so bekloppt wären wie damals! Merkwürdig, dass die Propagisten der Jugendlichkeit uns ständig einreden wollen, man müsse ewig „jung“ bleiben und solle sich am besten gar nicht verändern. Man brauche es auch gar nicht, machen uns diverse Hersteller weis (man müsse nur ihre Produkte kaufen). Anti-Aging nennen sie den Quatsch. Wer’s glaubt …
Auch beim Wein hat so eine Gewohnheit eingesetzt: Wein muss immer ganz frisch und jung sein. Ein 2004er auf der Weinkarte? Da hat der Wirt wohl noch einen Restposten im Keller liegen! Am besten noch im Jahr der Ernte trinken: Le Beaujolais Nouveau est arrivé! Sie und ich wissen freilich: alles Blödsinn! Primeur ist nie ein wirklich guter Wein. Das ist nichts als ein Marketing-Trick, damit die Winzer ratz-fatz ihren Keller leer kriegen. Wer etwas Erfahrung mit Wein gesammelt hat, der weiß zum Beispiel, dass frisch gefüllter Wein oft nicht so gut schmeckt (und riecht), wie er könnte. „Füllkrank“ nennt der Fachmann das, ein manchmal schwefliger, eben an Tankproben erinnernder Geruch und Geschmack.
Die Winzer wissen es selbst. Ihre besseren Tropfen füllen sie viel später ab (und nehmen für ihren Primeur nur die Moste, die es nicht anders verdienen). Die besseren 2006er sind eben jetzt noch nicht zu haben. Aber das macht nichts. Wir haben Zeit. Warten können, das ist auch so etwas, was Marketingleute (meistens ziemlich junge Burschen oder Mädels) nicht begreifen. Abwarten und Tee trinken: das kann Spaß machen! Mir gefällt’s jedenfalls, wenn ich im Keller eine Flasche aus 2000 oder 1998 liegen sehe. Zeit mit Korken drauf. Vor ein paar Tagen, bei einer Verkostung in einem Schloss an der Ruwer, standen ein Dutzend Flaschen auf dem Tisch, meist 2006 und 2005. Als wir uns warm probiert und -geredet hatten, bekam auch die Eigentümerin (die sicher oft Journalisten zu Gast hat und die ganzen Sprüche wohl in- und auswendig kennt) Lust und bot an: „Ich habe noch einen 1997er im Keller. Wollen Sie?“ Wir lehnten freundlich ab, denn wir mussten Weine für eine Kauf-Empfehlung raussuchen. Und wer würde einen 1997er kaufen? Sie? Dann bitte ich Sie um Verzeihung. Wir wollten den Bestand schonen, es wäre doch schade gewesen, eine Flasche nur aus Neugier zu öffnen. Den Wein probieren und dann niemandem etwas davon erzählen können! Dass ich diese Kolumne schreiben würde, ahnte ich ja noch nicht. Da hätte ich es ja hier unterbringen können.
Stimmt es, dass viele Weinfreunde gar nicht mehr wissen, wie so ein reifer Riesling eigentlich schmeckt? Das wäre schade. Fragen Sie Ihren Winzer nächstes Mal nach einem 1997er. (Ein guter Winzer hebt sich immer ein paar Flaschen in seinem Archiv auf!) Sie könnten folgende Aromen finden: gelbe Früchte wie reife Aprikosen und reife Äpfel, auch Apfelmus; Kräuter und Petroleum (der berühmte Petrolton, er erinnert tatsächlich entfernt an Heizöl), Bienenwachs (das echte, kein Stearin), altes Leder wie von wertvollen alten Büchern, trockenes Herbstlaub und Moos, Walnuss und vieles mehr. Sie werden viel Spaß an diesem Wein haben, wenn Sie ihn zum Essen servieren (er wird sich geschmacklich wieder verjüngen). Jeder Schluck wird Ihnen minutenlang Geschmackserlebnisse auf den Gaumen zaubern. Ja, das können diese kaltvergorenen Jungspunde, diese Trink- und Wegweine nicht! Das sind eben die Freuden und Vorzüge des Alters, der Reife, der grauen Schläfen (und meinetwegen der gesicherten Altersversorgung). Kurz, diese Weine trösten alle, die sich vor Fältchen und den ersten grauen Haaren fürchten. Das kann nur Wein. Und das soll er auch, das macht seinen Zauber aus.
Und nun denken Sie mal über die trickreichen Mittelchen nach, mit denen junge Weine plötzlich wieder altern sollen. Spezielle Flaschenausgießer, die den Effekt einer Karaffe (den Sauerstoffkontakt) imitieren sollen. Zauberstäbe, die angeblich mit Hilfe irgendwelcher geladenen Kügelchen den Wein innerhalb von Minuten künstlich altern lassen. Auch die Karaffen und Dekantiergefäße sollen dem Wein zur Entfaltung verhelfen, ihn also oxidieren, das heißt, altern lassen. Moment mal! Waren wir nicht beim Anti-Aging stehen geblieben? Und rufen die meisten von uns, wenn sie einen gereiften Jahrgang erstaunlich frisch und jugendlich finden, mit Begeisterung: „Der Wein hat sich gar nicht verändert“? Wir sollten endlich akzeptieren, dass Wein wie jedes Lebewesen sich notwendig und völlig natürlich verändert. Zu seinem und unserem Vorteil.
Rolf Klein
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