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Kleins Kolumne - Mai 2/07

Der April 2007 war der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Diese Meldung passt wie die Faust aufs Auge zum medialen Dauerfeuer zum Thema Klimawandel, dem wir derzeit ausgesetzt sind. Alle möglichen Gipfel und Resolutionen, hämische Bilder von Regierungs-Dienstfahrzeugen („CO2-Schleudern“) – die Kampagne ist in vollem Gang. Schon melden sich die Bauern und drohen über ihren Verband mit „katastrophalen“ Missernten und – natürlich, das Wirtschaftsklima war doch viel zu harmonisch – massiven Preiserhöhungen.

Kampagne? Ist das Klima denn nicht wirklich in Gefahr? Die Winzer beobachten schon lange, dass die Reifeperiode der Trauben sich verschiebt. In diesem Jahr ist der Blattaustrieb drei Wochen früher. Aber auf ängstliche Fragen hinsichtlich des 2007er Jahrgangs erntet man bei ihnen eher ein beruhigendes Kopfschütteln: „Abwarten. Da kann noch viel passieren.“ Wenn es im Mai oder Juni kälter wird oder viel regnet, wird sich das Wachstum verlangsamen. Kann schon sein, dass es im Sommer wieder heiß und trocken wird. Kann auch nicht sein.

Kriegen wir neue Sorten?

Mir gefällt diese Einstellung von Leuten, die wie kaum andere vom Klima abhängen (ein Winzer hat nur eine Lese im Jahr!), wegen ihrer Gelassenheit. Müssen sie nun Cabernet oder gar Shiraz pflanzen, weil diese Rebsorten besser mit heißen und trockenen Klimata zurechtkommen als Spätburgunder und Riesling? Nein, sagen die allermeisten Winzer. Einer sagte kürzlich: „Da müssen erst mal ganz andere Regionen handeln.“ Einen Rebberg umpflanzen, das ist eine Aktion von mehreren Jahren. Ein Rebstock bringt erst nach ein paar Jahren Ertrag. Soll man nun alte Rieslingstöcke roden, weil es vielleicht mehr heiße Julis gibt?

Bis dahin ist noch Zeit. Man kann sich auf langsam sich ändernde Bedingungen einstellen. Die Erziehungsform der Reben ist je nach Klimaregion (und Sorte) anders. Laubarbeit entscheidet über den Energieumsatz und den Schatten. Der australische Weinberater Brian Croser bemerkt, dass in vielen Anbaugebieten das Verhältnis Blattfläche zu Frucht nicht mehr adäquat ist – denn gerade wenn die Erträge durch Ausdünnen reduziert werden, kann leicht zu viel Solarpower für die wenigen verbliebenen Trauben zur Verfügung stehen. Neu für viele deutsche Winzer ist, dass die Lese zu einem früheren Zeitpunkt beginnen muss – weil die Trauben optimal reif geworden sind und der Rebstock noch arbeitet, also die Blätter noch grün sind. Da braucht man mehr Fingerspitzengefühl. Vielleicht müssen die Trauben irgendwann einmal so wie in südlichen Ländern bei Nacht oder am frühen Morgen gelesen werden. Das Klima schafft sich seine Weinkultur.

Hitze-Management

In Südamerika und anderswo ist Bewässerung (bei Bedarf) selbstverständlich. In Deutschland eher ungewöhnlich, aber machbar. Auf griechischen Inseln im Mittelmeer werden viel frischere Weißweine gekeltert als noch vor Jahren. Das liegt nicht am Klimawandel, sondern am gewachsenen Know-how der Weinmacher. Da müsste es in Deutschland doch auch gelingen, die Sache in den Griff zu bekommen. Dass die Begrünung zwischen den Rebzeilen beispielsweise vor Bodenerosion schützt, haben sich andere Länder von den Deutschen abgeschaut. So können die Böden auch Wasser besser halten und trocknen nicht so schnell aus wie die nackte Krume. Vielleicht müssen die Winzer mal in ferner Zukunft Bäume in den Weinbergen pflanzen. Schließlich ist die Rebe ein altes Waldgewächs. Ihre Vorfahren rankten sich an Bäumen empor. In Portugal und Südtirol erzog man die Reben traditionell an Pergeln. Warum? Weil die Trauben so Schatten hatten.

Alkoholbomben

Der von vielen beklagte Trend zu überhöhten Alkoholwerten ist zumindest in Deutschland spätestens mit dem Jahrgang 2006 gestoppt. Der bietet etwa von der Mosel wunderbare (restsüße) Auslesen mit 7,5 oder 8 Volumenprozent. Alkoholmanagement ist eine kellertechnische Entscheidung, nicht in erster Linie eine Folge des Klimas. Erinnern wir uns: Deutschland ist eines der nördlichsten Weinbauländer. Die Anbaugebiete sind so gewählt, dass sie möglichst warm sind: Hitze speichernde Steilhänge mit Schiefergestein und das Sonnenlicht reflektierende Flussläufe zählen zu den besten Lagen. Wird es wärmer, kommen auch andere Lagen infrage. Ungewohnt? Erinnern wir uns, dass vor dem Dreißigjährigen Krieg die Rebfläche in Deutschland dreimal so groß war wie heute und Wein an Orten angebaut wurde, die diese Tradition heute längst vergessen haben. Ohne die verheerende Wirkung des Krieges gäbe es vielleicht heute noch Weinbau in Mecklenburg.

Dies soll nicht die Umweltverschmutzung und -belastung bagatellisieren. Es ist richtig, dass wir noch mehr die komplexen Zusammenhänge verstehen und nachhaltiger wirtschaften müssen. Der Boom bei den Bio-Produkten und vor allem die durch die Nachfrage verbesserte Qualität etwa der Ökoweine ist ein erfreuliches Signal, dass ein Umdenken stattfindet. Dies sollte ermutigt werden, anstatt den Menschen und Konsumenten permanent Panikstimmung einzubläuen. Wie heißt es in einer Branche so schön? Es gibt viel zu tun, packen wir’s an! Wollen wir wetten? Wein, und zwar guten, wird es immer noch geben, wenn die Mineralölbranche schon längst wegen Rohstoffmangels am Ende ist. Who the fuck is OPEC?

Rolf Klein