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Kleins Kolumne - Mai 1/07

In Italien und anderswo ist das Hotel Mamma bei jungen Männern sehr beliebt. Sich bekochen und die Wäsche waschen lassen, dabei noch die Miete sparen und vertraute Familienatmosphäre genießen, das hat was. Warum sollte man(n) sich durch graue Schläfen davon abhalten lassen? Und die Mamma lässt es sich offenbar gerne gefallen. Denn viele treu sorgende Eltern sind eher froh, wenn die Kinder nicht so früh „aus dem Haus“ gehen.

Winzer sind auch so, zumindest was ihre Spitzenkreszenzen angeht. Auf der diesjährigen VDP-Weinbörse in Mainz, die am letzten Aprilwochenende stattfand, machte ich immer wieder dieselbe Erfahrung: Die Winzer sagen beim Einschenken: „Achtung, da ist ein Fehler in Ihrem Katalog. Das hier ist nicht der 2006er, sondern der 2005er. Der 2006er liegt noch auf der Feinhefe. Den füllen wir erst in drei oder vier Wochen ab.“ Das gleiche Lied bei den Rotweinen, speziell bei den Großen Gewächsen. 2003, 2004: ja gerne. 2005? Fehlanzeige. Noch im Barrique.

Gut Ding will Weile haben

Man muss dazu wissen, dass bei den Großen Gewächsen eine Vermarktungssperre bis zum 1. September des der Ernte folgenden Jahres gilt. Also gab es auf der Börse selbstverständlich keine 2006er Großen Gewächse zu probieren. Von den 2006ern (Spätlese bis Kabinett und QbA, auch Auslesen und Edelsüßes), die im Ausschank waren, waren fast alle Fassproben, also eigentlich noch nicht abgefüllt. Es ist einfach so: Je besser die Weine, desto länger der Aufenthalt im Familienkeller. Auf der Feinhefe ruht es sich gut, da bekommt der Wein alles, was er braucht. Manche weiße 2005er präsentierten sich zwar mit ersten Reifearomen, waren aber insgesamt in Topform. Und die Fassproben aus 2006 waren im Grunde noch viel zu jung. Verschlossen im Duft, sehr knackig in der Säure – da fehlte einfach die Einbindung.

Man fragt sich, wieso es die Weinbörse überhaupt zu einem Zeitpunkt gibt, an dem der neue Jahrgang meistens noch nicht fertig ist (für die ProWein im März gilt das sowieso). Das ist so, als wolle man die Eingangstests zum Medizinstudium in der zehnten Klasse absolvieren. Antwort: Das ist eben so. Im April werden die Preise für den neuen Bordeaux-Jahrgang gemacht, die Nachfrage für den 2006er Jahrgang setzt sofort ein. Zum Leidwesen der Qualitätswinzer schreit alles nach „dem Neuen“. Die Betreiber des Hotels Feinhefe würden ihren Lieblingen ja viel lieber noch mehr Zeit für die Entwicklung lassen.

Scheiß-Markt, oder?

Scheiß-Markt, oder? Allerdings machen wir den ja irgendwie selbst. Welchen Jahrgang kaufen Sie ein, wenn Sie zum Winzer fahren? Fragen Sie noch nach 2005 oder 2004? Sehen Sie … Und die Journalisten wissen das genau, zudem müssen sie immer als erste über den neuen Wein berichten (der Wettbewerb …). Ich habe oft bedauert, dass uns die besten Gewächse dabei immer wieder durch die Lappen gehen. Entweder probiert man sie, bevor sie richtig gut sind, oder man muss sie ignorieren, weil etwa das Thema „Riesling 2006“ verkostungstechnisch Ende Mai 2007 erledigt ist. Übrigens werden Sie hier noch lange danach gute Weintipps finden! Wir können uns nämlich hier mehr Zeit lassen. Uns klingt noch das Bedauern eines Rheingauer Winzers im Ohr, der sagte: „Meine Weine aus 2005 werden erst jetzt richtig schön. Ich ärgere mich, dass ich schon ausverkauft bin. Die sind alle schon weggetrunken!“ Anmerkung: Wer in den Ersten Rheinland-Pfälzischen Weinfonds Zum Wohle 2006 investiert hat, kann sich entspannt zurücklehnen und auf tolle 2005er Tropfen freuen. Der Jahrgang wurde soeben vom Wine Spectator als „Germany’s Golden Vintage“ gepriesen!

2006: der Säurereiche

Der 2005er wird etwa 2007 oder 2008 in seiner vollen Schönheit erblühen. Und der 2006er? Er wurde in der Presse als präkerer Jahrgang dargestellt (Blitzlese). Fäulnis gab es verbreitet, es musste etwa doppelt so schnell gelesen werden wie sonst, um die Ernte zu retten. Verluste von 30 oder 40 Prozent waren häufig. Wie vor der Weinbörse verlautete, werden Preiserhöhungen bis zu 10 Prozent die Folge sein. Die Qualität kann sich jedoch aller Unkenrufe zum Trotz sehen lassen. Säurefrischer und extraktreicher als zuvor präsentieren sich die Weine jetzt, ein gutes Anzeichen für ein langes Leben. Bei Lagen, die unter Trockenheit litten, kann allerdings ein gewisses Risiko für vorzeitige Alterstöne (UTA) vorhanden sein, dies betrifft jedoch meist nicht die Top-Lagen. Ein Vorzug sind die moderaten Alkoholwerte. Endlich wieder ein Kabinett mit 11 Prozent! Auch bei den Spätlesen wurden die 12,5 selten überschritten. Von der Mosel gibt es fabelhafte restsüße Kabinett- und Spätleseweine mit 7 oder 8 Volumenprozent. Dem Geschmack schadet das gar nichts, im Gegenteil. 2006 ist ein Jahrgang mit vollem Aroma. Wie wohl der 2007er wird? Das ist noch zu früh, zu viel kann noch passieren. Am besten macht man es wie ein Winzer aus der Pfalz, der die Arme lässig verschränkte: „Man kann ja eh nix mache!“