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Kleins Kolumne - April 2/07
Bekanntlich gibt es mehrere Tausend Variationen von vitis vinifera, der Weinrebe. Diese Pflanzengattung stammt übrigens von der Wildrebe ab, vitis silvestris, die sich einst in Wäldern an Bäumen empor rankte. Für die Weinindustrie sind zwar nur wenige Hundert Sorten interessant. Aber das scheint ja schon mehr als genug der Vielfalt. Allein die über 300 Sorten, die in einem Land wie Portugal registriert sind, können mühelos ein dickes Buch füllen. Ampelographie nennt der Fachmann übrigens die Wissenschaft von den Rebsorten.
Kaum geklärt ist bis heute, wie sich manche Rebsorte entwickelt hat. Müller-Thurgau sei eine Kreuzung aus Riesling und Silvaner, hieß es lange. Deshalb nennen die Schweizer die Sorte auch RieslingxSylvaner, und die deutschen Winzer haben sich den neuen Namen Rivaner ausgedacht, weil ihnen Müller-Thurgau zu altmodisch erschien. Erst seit einigen Jahren weiß man durch genetische Vergleiche, dass die Verwandtschaftsverhältnisse anders sind. Erst hieß es, der Gutedel sei einer der Väter (dann hätte es statt Rivaner wohl Riedel heißen müssen); neuerdings stet jedoch fest: Es ist Riesling, gekreuzt mit einer Sorte namens Madeleine Royale (nein, nicht die französische Präsidentschaftskandidatin). Den Namen verdankt die zweithäufigste deutsche Weißweinsorte ihrem Züchter, Professor Hermann Müller aus dem Schweizer Thurgau (1850-1927).
Rebzüchtung scheint eine Spezialität der Deutschen zu sein. Jeder von uns musste sich im Bio-Unterricht mit dem Mönch Gregor Mendel auseinandersetzen, der sich die Mühe der Erbsenzählerei machte und die Gesetze der Vererbung fand. Auch die Rebe eignet sich sehr gut für Experimente. Durch gezielte Klonenselektion kann der Züchter oder Winzer bestimmte Eigenschaften seiner Weine bestimmen. Jede gängige Sorte gibt es in einer Vielzahl von Klonen, weswegen ein Winzer beispielsweise darauf verweisen kann, dass sein an der Ahr gewachsener Spätburgunder aus echten burgundischen Klonen stammt. Andererseits kann man auch völlig neue Züchtungen entwickeln.
So genannte Neuzüchtungen (gibt es denn auch Altzüchtungen?) haben kurioserweise ein schlechtes Image. Die Huxel- und Scheurebe, zwei rheinhessische Spezialitäten, oder der Dornfelder, eine Kreation aus Württemberg, gelten oft als „keine richtigen Weine“. Stimmt freilich nicht: Die aromatische Scheurebe, trocken ausgebaut, ist ein klasse Wein, mindestens so gut wie ein Sauvignon Blanc. Und der Dornfelder kann auch im Barrique ausgebaut werden, mit ansprechenden Ergebnissen. Aber viele Züchtungen spielen bis heute keine große Rolle: Heroldrebe, Siegerrebe? Selten, wenn überhaupt, schon einmal gehört und noch seltener getrunken.
In den vergangenen Jahren hat eine neue Kategorie von sich reden gemacht: die pilzresistenten Sorten. Während Mendels Erben nämlich früher mehr nach neuen Aromen suchten oder aus diversen Sorten die jeweils günstigsten Eigenschaften (hohe Erträge!) kombinieren wollten, geht es heute darum, Sorten heranzukreuzen, die gegen Krankheiten wie Mehltau resistent sind. Dadurch kann man im Anbau die Kosten beträchtlich senken, weil man Spritzmittel spart. Auf Cabernet-Basis entstanden etwa der Cabernet Mitos (BlaufränkischxCabernet Sauvignon, 1970, Württemberg) und der Cabernet Dorsa (DornfelderxCabernet Sauvignon, 1971, Württemberg), dann gibt es den Regent (1967 in der Südpfalz aus SilvanerxMüllerThurgau sowie Chambourcin, einer alten Sorte aus Frankreich gekreuzt) und den Acolon (stammt aus Württemberg: LembergerxDornfelder) und noch einige andere. Die genannten sind alles Rotweinsorten. Woran das liegt? Einerseits wohl am Rotweinboom der vergangenen zehn Jahre, andererseits vielleicht auch daran, dass die deutschen Rotweine international eher die zweite Geige spielen (zu Unrecht, wie ich meine) – vielleicht wollte man ihnen etwas auf die Sprünge helfen?
Mutig ist, diese Sorten auf die Etiketten zu schreiben, wie es jetzt vielfach geschieht. Wer kann sich vorstellen, im Restaurant nach einem „Acolon“ zu fragen? Schmecken denn diese Sorten überhaupt? Besonders Regent und Acolon liefern erfreuliche, dichte und strukturierter Rotweine. Sie eignen sich für den reinsortigen Ausbau, aber auch als Cuvée-Partner. Vielleicht liegt in der deutschen Rotwein-Cuvée die Zukunft dieser Sorten. In vielen Top-Cuvées ist nämlich ein wenig Acolon oder Cabernet Mitos drin.
Obwohl die Sorten inzwischen erprobt und zugelassen sind, ist ihre Unbekanntheit noch ein Handicap. „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ – dieser Spruch gilt auch für die meisten Weinliebhaber, die ihre gewohnten Sorten wünschen und, wenn sie mal Experimente machen, eher nach „autochthonen“, also alteingesessenen Sorten suchen als nach neuen Züchtungen, die vielfach obendrein noch mit dem heißen Eisen „Genmanipulation“ in Verbindung gebracht werden. Aber Neuzüchtungen sind so wenig genmanipuliert wie ein Dackel oder eine Rosensorte. Züchtung ist eine kontrollierte Form der natürlichen Mutation. Genmanipulierte Reben gibt es zwar auch und mit dem gleichen Ziel wie bei den Neuzüchtungen, nämlich verbesserten Krankheitsschutz, aber nur im Versuchsanbau – ein anderes Thema.
Es wird also noch einige Überzeugungsarbeit brauchen und vielleicht eine ganze Generation dauern, bis diese neuen Sorten sich eingebürgert haben. Dabei helfen Symposien, Wettbewerbe und internationale Auftritte – zugegeben, viel Arbeit. Und vor allem helfen dabei richtig gute Weine! Vielleicht packt einmal ein Winzer die Herausforderung ein, Mr. Acolon in Deutschland zu werden. Ja, das dauert. Aber: Schließlich war auch Müller-Thurgau einmal eine Neuzüchtung – und hat Karriere gemacht. Wenn nicht in Deutschland, dann in Italien, wo „Müller“ derzeit der Renner ist.
Rolf Klein
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