|
Kleins Kolumne - April 1/07
Neue Meldung: Im Wine Spectator, der weltweit verbreiteten und auch für deutsche Liebhaber maßgeblichen amerikanischen Weinzeitschrift, schneiden deutsche Rieslinge hervorragend ab. Sechsmal gab es für edelsüße Kreszenzen von der Mosel und aus dem Rheingau die Höchstnote 98 Punkte. Darüber freut man sich bei den Weingütern Wegeler, Forstmeister Zilliken, J.J. Prüm, Schloss Lieser und Fritz Haag. Wie, nur fünf? Ja, Wegeler punktete zweimal!
Einerseits nichts wirklich Neues, denn dass deutsche Edelsüße Spitze sind, weiß die internationale Weinwelt längst. Es wird nur wieder einmal bestätigt. Wer den Markt kennt, weiß: Diese Top-Weine werden astronomische Preise erzielen. 98 Punkte im Wine Spectator, das ist der Ritterschlag! Für das Image des deutschen Weins allgemein kann das nur nützlich sein.
Und die Trockenen?
Edelsüß ist richtig gut. Kein Wunder: Die Herstellung einer Trockenbeerenauslese oder eines Eisweins ist risikoreich und heikel, die Mengen sind knapp. Das unnachahmliche Säurespiel und die oft betörend üppige Süße dieser ewig haltbaren Weine macht den Deutschen so schnell keiner nach. Das Erstaunliche: Fragt man Weinliebhaber im Restaurant, was sie trinken: Trocken muss er sein! Die Trockenmanie ist immer noch aktuell. Angefangen hat es mit den Feldzügen der Gourmetkritiker gegen die pappig süßen deutschen Weine der sechziger und siebziger Jahre. Schließlich trank man in den französischen Sternerestaurants doch immer trockene Weine, aus Frankreich, bien sûr. Schick war also der trockene Riesling aus dem Elsass, uncool war die liebliche Spätlese von der Mosel.
Das ist in vielen Köpfen noch heute so. Deutsche Weine, so das Vorurteil, seien süße Plörre. Da sei ja Zucker drin! Es bürgerte sich ein, im Restaurant vor allem einen „trockenen“ Wein zu verlangen. Nur so durfte man als Kenner gelten. Es mag auch so sein, wie der Weinexperte Michael Hornickel in der Zeitschrift weinwelt schreibt: Im internationalen Vergleich zählen nur die trockenen Weine. Deutsche Kreszenzen spielen da eine Sonderrolle. Wegen der Süße.
Unterbelichtet
Daher kommt es, dass bei Sommeliers auf der ganzen Welt, aber auch bei Weinfans, die deutschen Weine noch nicht in ihrer ganzen qualitativen Bandbreite wahrgenommen werden. Sie sind heute auch in der Spitze sehr oft klassisch trocken. Die trockenen Ersten Lagen des VDP heißen „Große Gewächse“. Interessanterweise hat noch niemand diese Top-Crus neben andere Spitzengewächse etwa auch Österreich oder Frankreich gestellt. Der ganze trockene Bereich der deutschen Weinlandschaft ist in der internationalen Weinkritik noch etwas „unterbelichtet“. Die Edelsüßen, ja sicher. Da liegen wir an der Weltspitze, und das ist gut. Aber die Musik spielt bei den Trockenen. Das sind die Weine in der Spitzengastronomie, mit denen sich Eindruck machen lässt. Und in den Kellern der Sammler und Spekulanten? Da sollte bald Regalraum freigemacht werden. Denn die großen Trockenen aus Deutschland, sie kommen langsam, aber gewaltig. Und werden punkten.
Rolf Klein
|